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USV-Interviews: Michi Graf

1. Erzähle von dir: Wie alt bist du, wo wohnst du, wie ist dein Familienstand, was machst du beruflich?
Ich bin 35 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Kinder (zwei und fünf Jahre alt). Ich wohne in Friedburg, bin gebürtiger Lengauer und arbeite beim Lagermax in Straßwalchen.

2. Du bist erst 35 und hast trotzdem bereits 12 Jahre Erfahrung als Trainer angesammelt. Wie ist es dazu gekommen? Was ist deine Geschichte?

Ich bin durch eine ganz komische Situation Trainer geworden: Ich habe damals meinem Schwiegervater, der U17-Trainer in Friedburg war, ausgeholfen. Anschließend hat er mich dann gebeten, für ihn das Training zu leiten.
Es hat mich am Anfang ehrlich gesagt gar nicht interessiert. Aber ich habe immer wieder für meinen Schwiegervater das Training übernommen. Dann wurde hinter meinem Rücken – vom ihm und vom sportlichen Leiter von Friedburg – entschieden, dass ich der neue U17-Trainer werde.
Ich habe mich dann im ersten Jahr mit Fußball beschäftigt und die notwendigen Ausbildungen gemacht. Wir sind gleich auf Anhieb Meister geworden und in die Regionsliga aufgestiegen, wo wir Vizemeister wurden. Ich habe dann mit dem Hausbau angefangen und deshalb zwei Jahre lang pausiert.
Danach bekam ich meine erste Stelle als Kampfmannschaftstrainer beim UFC Lochen: ich war zuerst 1b-Trainer und bin dann im Winter befördert worden. Ich habe Lochen damals auf einem Abstiegsplatz übernommen, konnte den Abstieg aber leider nicht verhindern. Am Ende haben uns drei oder vier Punkte gefehlt…
Im nächsten Jahr wurde ich mit Lochen Meister. Danach habe ich ein Angebot von Mondsee erhalten und war zwei Jahre lang Michi Schwaigers Co-Trainer. Und jetzt bin ich in Berndorf.

3. Was war für deine Entscheidung, Berndorf zu übernehmen, ausschlaggebend? Worin liegt der Reiz dieser Aufgabe?

Die Mannschaft ist jung, das ist einfach das Reizvolle. Die Herausforderung besteht darin, eine junge Mannschaft als Trainer weiterzuentwickeln; zu schauen, was man aus der Mannschaft herausholen kann und wie weit sie fähig ist, die Vorgaben des Trainers umzusetzen. Bei einer gestandenen Mannschaft, mit der man nur noch im taktischen Bereich arbeiten muss, ist das anders. Ich glaube, dass in Berndorf viel Arbeit vor mir liegt. Aber das Team ist jung und hungrig, und das war für mich ausschlaggebend.

Ich will der Mannschaft meinen eigenen Stempel aufdrücken. Ich bin gerade dabei, die Mannschaft etwas zu verändern, weil ich eine andere Vorstellung vom Fußball habe.
Daran arbeiten wir Woche für Woche. Und am Wochenende müssen wir das dann umsetzen.

4. Du hast im ersten Training angekündigt, auf Kurzpassspiel und Disziplin zu setzen. Was können sich Spieler wie Fans erwarten? Wie willst du deine Ziele erreichen?
Tja, was kann sich der Fan erwarten? Es ist nicht so, dass jetzt Michi Graf daherkommt und versucht, innerhalb von zwei bis drei Monaten Berndorf umzukrempeln. Das würde nicht funktionieren.
Das ist ein Prozess, für den wir den ganzen Herbst und die Wintervorbereitung brauchen werden. Ich schätze, dass wir im Frühjahr da sein werden, wo ich uns hinbringen will.
Man muss auch die Mannschaft sehen: das ist natürlich eine Umstellung, wenn ein neuer Trainer kommt, der eine ganz andere Vorstellung vom Fußball hat. Das ist für die Mannschaft nicht einfach, aber mit harter Arbeit, der richtigen Einstellung und Fleiß ist alles möglich.

5. Ich habe gehört, dass du auch unkonventionellen Trainingsmethoden nicht abgeneigt bist. Sollen wir – so wie die Lochener – ein Trainingslager am Dachstein organisieren?
(lacht) Nein, diese Zeiten sind vorbei.
Ich war auch einmal ein junger Trainer und habe aus solchen Sachen gelernt und Erfahrungen gesammelt. Das Trainingslager in Obertraun war super, aber heutzutage würde ich das nicht mehr machen. Ein richtiges Höhentrainingslager macht im Amateurbereich keinen Sinn. Das funktioniert im Profibereich, aber ein einmaliges Höhentrainingslager zeigt bei uns keine Auswirkungen auf den Körper und auf die Athletik…

6. Unter Michi Schwaiger haben wir entweder 4-4-2 oder 4-2-3-1 gespielt. Können wir uns bei dir auch einmal ein anderes Spielsystem erwarten? Vielleicht eine Dreierkette?
Eher weniger. Man muss sich das so vorstellen: Wichtig ist zuerst einmal, dass ein Spieler die Grundprinzipien des 4-4-2 (bzw. des 4-2-3-1) wirklich versteht.
Erst wenn eine Mannschaft das tatsächlich umsetzen kann, kann man auch einmal auf eine Dreierkette umstellen. Dabei hat man auf dem Außenbahnen, im Raum der Außenverteidiger, viel Platz, den man entsprechend kompensieren muss. Das ist im taktischen Bereich mit der Laufarbeit und auch mit dem Spielstil verbunden – davon sind wir noch weit weg.
Man muss erst einmal schauen, wie sich die Mannschaft im normalen 4-2-3-1 entwickelt. Ich spiele gerne mit einem 4-4-2 mit Raute, aber auch davon sind wir noch weit weg. Da muss ich die Mannschaft in Schutz nehmen: das kann man nicht von heute auf morgen lernen, das ist ein Lernprozess.
Solche Systemumstellungen kann man in der Wintervorbereitung angehen, wo man acht oder neun Wochen Zeit hat. Da kann man step by step versuchen, sich so etwas anzueignen. Aber im Amateurbereich sind solche Umstellungen in der Sommervorbereitung einfach zu schwer.

7. Du erinnerst mich an Pep Guardiola (Disziplin und Ballbesitz) (lacht) und Julian Nagelsmann (junger Trainer mit Fokus auf Kurzpassspiel) (lacht erneut). Welche Trainer – große Namen wie Weggefährten – haben dich beeinflusst?
Ich bin jemand, der viel aufnimmt, aber ich habe keine bestimmten Personen, die mir gefallen. Es gibt immer wieder Trainer, die ihren Teams einen besonderen Spielstil beibringen und das gefällt mir. Aber ich orientiere mich an niemandem und versuche nicht, andere zu kopieren. Ich habe meine eigene Vorstellung vom Fußball. Natürlich gibt es Kollegen, die ähnlich spielen lassen, aber die Frage ist immer, was genau meine Mannschaft auch umsetzen kann. Ich schaue mir gerne die Arbeit von guten Trainern an und man lernt nie aus.

8. Ein Trainer aus der englischen Premier League hat einmal gesagt, er würde lieber versuchen, von hinten das Spiel aufzubauen und dadurch ein Tor kassieren, als seine Spielphilosophie aufzugeben. Vertrittst du auch diese Ansicht? Prinzipien oder Pragmatismus?
(überlegt) … Eigentlich schon mehr Prinzipien. Klar, es geht einem nicht alles so auf, wie man es vorher geplant hat. Aber man braucht eine Grundlinie, eine Idee, wie man seine Spielphilosophie vom Aufbau bis zum Abschluss durchzieht. Sollte ein Ausreißer vorkommen, dann ist das halt so

Wolfgang Rockenschaub

Das Interview fand vor Saisonbeginn statt, konnte aber aus verschiedenen (u.a. technischen) Gründen nicht früher von uns veröffentlicht werden.

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